Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland Studienergebnisse in Berlin vorgestellt
Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland
Am 03.03.2026 nahmen wir in Berlin an der Präsentation der Studienergebnisse „Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland“ in der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland teil.
Die Studie wurde vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) im Auftrag der Gleichbehandlungsstelle EU-Arbeitnehmer durchgeführt.
Die AGSA-Fachstelle für EU-Migration EUMIGRA war an der Erarbeitung der Studienergebnisse beteiligt und brachte ihre langjährige Praxiserfahrung aus Sachsen-Anhalt in den Forschungsprozess ein. Dadurch konnten Perspektiven aus der praktischen Beratungsarbeit sowie aus regionalen Netzwerken in die wissenschaftliche Analyse einfließen.
In ihrem Grußwort unterstrich die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie Staatsministerin bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Natalie Pawlik, die enorme Bedeutung der europäischen Binnenmigration für den deutschen Arbeitsmarkt. Zugleich betonte sie die Notwendigkeit einer konsequenten Weiterentwicklung der Willkommenskultur – insbesondere vor dem Hintergrund bestehender struktureller und gesellschaftlicher Benachteiligungen.
Die Studie analysiert die Ursachen der Zu- und Abwanderung von EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern. Besonders alarmierend: 2024 haben erstmals mehr EU-Zugewanderte Deutschland verlassen als neu hinzugekommen sind.
Deutschland profitiert seit vielen Jahren erheblich von der innereuropäischen Migration. Gerade Menschen aus Mittel- und Osteuropa leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes und zur Fachkräftesicherung. Gleichzeitig zeigt sich: Sachsen-Anhalt weist bundesweit die geringste Zahl an EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern auf. In einem strukturschwachen Flächenland mit demografischen Herausforderungen ist dies ein ernstzunehmendes Signal.
Die Ergebnisse machen deutlich: Trotz rechtlicher Gleichstellung bestehen weiterhin praktische Hürden – etwa beim Zugang zu Information und Beratung, bei der Anerkennung von Qualifikationen, beim Spracherwerb oder im Bereich sozialer Sicherungssysteme.
Zudem ist kritisch zu betrachten, dass EU-Bürgerinnen und EU-Bürger im jüngsten Gesetzesvorschlag des Bundesinnenministeriums von der freiwilligen Teilnahme an Integrationsbeiräten sowie von bestimmten Sprachförderangeboten ausgeschlossen werden sollen. Dies steht im Spannungsfeld zu dem Ziel, gleichberechtigte Teilhabe und nachhaltige Bleibeperspektiven zu stärken.
Der übergreifende Grundsatz der Studie besagt, dass EU-Bürgerinnen und EU-Bürger in migrationspolitischen Diskursen, politischen Vorhaben und in der Gesetzgebung stärker als eigenständige Zielgruppe berücksichtigt werden müssen.
Daraus wurden sechs zentrale Handlungsfelder abgeleitet:
- Zugang zu Informationen verbessern und Rechtsdurchsetzung stärken
- Arbeitsausbeutung und unseriöse Geschäftsmodelle konsequent bekämpfen
- Willkommenskultur und Integrationsbegleitung nachhaltig strukturieren
- Spracherwerb umfassend fördern
- Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten gezielt unterstützen
- Diskriminierung wirksam bekämpfen
Unser Fazit als AGSA und EUMIGRA-Netzwerk:
Rechtliche Gleichstellung allein reicht nicht aus.
Notwendig ist eine verlässliche strukturelle Unterstützung für EU-Bürgerinnen und EU-Bürger, insbesondere in strukturschwachen Regionen. Ebenso braucht es eine kontinuierliche Sensibilisierung und Qualifizierung der Beratungs- und Verwaltungsstrukturen, damit Teilhabe nicht nur formal besteht, sondern praktisch ermöglicht wird.
Wer Fachkräfte halten will, muss faire Bedingungen, transparente Verfahren und echte Willkommenskultur gewährleisten.
Die Studie ist online abrufbar: Rechtlich gleichgestellt – praktisch benachteiligt? EU-Zugewanderte in Deutschland
Die Förderung der Fach- und Servicestelle EU-Migration Sachsen-Anhalt (EUMIGRA) ist zum 31.12.2025 ausgelaufen.
Das EUMIGRA-Netzwerk, bestehend aus Mitgliedsorganisationen der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt (AGSA) und Akteuren der Integrationsarbeit, bleibt jedoch als Interessenvertretung der Unionsbürgerinnen und Unionsbürger in Sachsen-Anhalt weiterhin aktiv. Ziel ist es, den Austausch zwischen Beratungsstellen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und Institutionen fortzuführen sowie die Anliegen von EU-Zugewanderten sichtbar zu machen.
Kontakt:
Constanze Klempin
Email: constanze.klempin@agsa.de